Wenn du eine Dior-Kampagne ansiehst - ob auf einem Werbeplakat in Paris, in der Vogue oder auf Instagram - dann siehst du mehr als nur Kleidung. Du siehst Stimmung. Du siehst Licht, das wie flüssiges Gold über Seide fließt. Du siehst Posen, die wie Gedichte wirken. Und hinter jedem Bild steht ein Fotograf, der nicht nur eine Jacke abbildet, sondern eine ganze Welt erschafft. Dior hat seit Jahrzehnten Fotografen an seiner Seite, die nicht nur fotografieren, sondern die Seele der Marke festhalten.
Die frühen Jahre: Der Geist von Christian Dior und seine Kameraleute
Christian Dior selbst war kein Fotograf, aber er verstand die Macht des Bildes. In den 1940er und 1950er Jahren arbeitete er eng mit Fotografen wie Richard Avedon zusammen. Avedon, damals noch jung, brachte eine neue Dynamik in die Modefotografie. Statt steife Studioaufnahmen machte er Models in Bewegung - lachend, gehend, sich drehend. Sein Bild von Bar-Jacke aus 1947, aufgenommen mit der Modelin Dovima, gilt heute als ikonisch: die Eleganz der Linie, der Kontrast zur Elefantenhaut, die Ruhe in der Bewegung. Dior vertraute ihm, weil Avedon nicht nur Kleidung zeigte, sondern die Emotion, die hinter ihr steckte.
Ein weiterer Pionier war Irving Penn. Seine Schwarz-Weiß-Aufnahmen für Dior in den 1950ern waren reduziert, fast skulptural. Er stellte Models vor schlichte Leinwände, ließ den Stoff für sich sprechen. Keine Hintergründe, keine Ablenkung. Nur die Form, der Schatten, die Textur. Penns Arbeit zeigte, dass Dior nicht nur Mode, sondern Kunst machte - und dass Fotografie diese Kunst sichtbar machen konnte.
Die 1980er bis 2000er: Glamour, Macht und das große Kino
In den 1980er Jahren, als Gianfranco Ferré die Marke übernahm, wurde die Fotografie noch dramatischer. Herb Ritts kam ins Spiel - mit seiner Fähigkeit, Körper und Licht zu einem einzigen, fast mythologischen Bild zu verschmelzen. Seine Dior-Kampagnen wirkten wie Szenen aus einem antiken Drama: Sonnenlicht, nackte Haut, glatte Oberflächen. Er verband klassische Ästhetik mit moderner Sexualität. Seine Bilder waren nicht nur Werbung - sie wurden in Museen ausgestellt.
Die 1990er brachten Peter Lindbergh zurück in den Fokus. Lindbergh, der schon mit Yves Saint Laurent gearbeitet hatte, verstand Dior als eine Marke, die menschlich bleiben musste. Er fotografierte Models ohne Make-up, mit natürlichen Haaren, oft in Schwarz-Weiß. Sein berühmtes Bild von Naomi Campbell in einem weißen Dior-Kleid, vor einer verlassenen Fabrikhalle, war ein Statement: Eleganz braucht keine Masken. Er sagte damals: „Ich will, dass die Frau sichtbar ist - nicht das Kleid.“
Im Jahr 2000, als John Galliano kreativer Leiter wurde, veränderte sich der Ton. Die Fotos wurden theatralisch, üppig, fast surrealistisch. Steven Meisel wurde der wichtigste Fotograf dieser Ära. Er arbeitete mit Dior von 2001 bis 2012 und schuf Bilder, die wie Filmstill aus einem gothischen Märchen wirkten: Models in prächtigen Kostümen, in verfallenen Palästen, mit dramatischen Lichtern. Seine Serie „Dior by Meisel“ war so einflussreich, dass sie bis heute als Referenz in Modehochschulen gelehrt wird.
Die Gegenwart: Die neuen Stimmen von Dior
Seit 2016, unter Maria Grazia Chiuri, hat Dior eine neue Richtung eingeschlagen - feministisch, kraftvoll, poetisch. Und mit ihr kamen neue Fotografen. Der wichtigste von ihnen: Peter Lindberghs Nachfolger, Willy Vanderperre. Belgier, ruhig, mit einem Auge für Details. Er fotografierte die ikonische Kampagne „We Should All Be Feminists“ mit Dua Lipa und andere Models in einfachen, fast alltäglichen Umgebungen: einer Bibliothek, einem leeren Raum, einem Fensterbrett. Seine Bilder wirken nicht wie Werbung - sie wirken wie Tagebuchaufnahmen von Frauen, die sich selbst finden.
Ein weiterer Schlüsselfotograf der letzten Jahre ist David Sims. Er arbeitet seit 2018 regelmäßig mit Dior und hat eine besondere Gabe: Er macht Mode sichtbar, ohne sie zu verherrlichen. Seine Fotos wirken wie Dokumentationen - aber von einer Welt, die perfekt ist. Ein Modell in einem schwarzen Dior-Abendkleid, allein auf einem leeren Parkplatz in der Dämmerung. Keine Requisiten. Kein Glamour. Nur Licht, Schatten und Stille. Sims zeigt: Dior ist nicht nur über Reichtum - es ist über Ruhe, über Kraft, über das, was bleibt, wenn der Lärm verschwindet.
Und dann ist da noch Inez van Lamsweerde und Vinoodh Matadin, das niederländische Duo. Sie arbeiten seit 2020 mit Dior und bringen eine digitale, fast künstliche Ästhetik mit. Ihre Bilder sind bunt, übersteuert, fast futuristisch - aber immer mit einem Hauch von Melancholie. Sie zeigen, wie Dior sich anpasst, ohne sich zu verlieren. Ihre Fotos für die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2025 zeigten Models, die wie Avatare aus einer virtuellen Welt wirken - aber in echten, handgefertigten Kleidern. Eine Brücke zwischen Analog und Digital.
Was macht einen Dior-Fotografen aus?
Es gibt kein Rezept. Aber es gibt Muster. Alle großen Dior-Fotografen teilen eine gemeinsame Eigenschaft: Sie verstehen, dass Mode nicht das Ziel ist - sie ist das Mittel. Das Ziel ist die Geschichte. Die Emotion. Die Identität.
Ein Dior-Fotograf muss:
- Die Geschichte der Marke kennen - nicht nur die Kleider, sondern die Philosophie: Eleganz als Widerstand, Weiblichkeit als Kraft, Tradition als Grundlage, nicht als Gefängnis.
- Imstande sein, mit Stille zu arbeiten. Dior braucht keine überladenen Szenen. Ein einzelnes Licht, ein Blick, ein Falte im Stoff - das reicht.
- Models nicht als Hänger für Kleidung behandeln, sondern als Erzähler. Jedes Bild ist ein Porträt - auch wenn das Gesicht nicht zu sehen ist.
- Vertrauen haben. Dior gibt seinen Fotografen Freiheit. Sie dürfen experimentieren. Sie dürfen scheitern. Sie dürfen ungemütlich sein.
Das ist der Unterschied zu anderen Marken. Dior lässt Fotografen nicht nur Bilder machen - sie lassen sie eine Sprache sprechen. Und diese Sprache hat sich über 75 Jahre nicht verändert: Sie ist still, aber laut. Sie ist einfach, aber tief. Sie ist Mode - aber sie ist mehr.
Wer arbeitet heute mit Dior?
Stand 2026 ist Willy Vanderperre immer noch der Hauptfotograf für die Hauptkampagnen. David Sims fotografiert die Prêt-à-Porter-Kollektionen und die Haute Couture-Bilder. Inez & Vinoodh arbeiten an den digitalen Kampagnen und den Social-Media-Content. Ein neuer Name taucht auf: Julien Mignot, ein französischer Fotograf, der seit 2023 für die Dior-Juwelen-Kampagnen verantwortlich ist. Seine Bilder sind kühl, geometrisch, mit klaren Linien - wie ein moderner Skulpturen-Garten. Er zeigt, dass Dior auch in der Schmuckfotografie neue Wege geht.
Und dann gibt es noch die jüngeren Fotografen, die in den Hintergründen arbeiten: Laurenz Schaffer, Camille Zumpf, Yuki Kato - alle unter 35, alle mit einem starken visuellen Stil, alle von Dior für spezielle Projekte engagiert. Sie bringen frische Perspektiven: mehr Authentizität, mehr Vielfalt, mehr Realität.
Warum ist das wichtig?
Denn Fotografie ist die einzige Sprache, die Mode nach dem Laufsteg überleben lässt. Ein Kleid, das auf der Bühne steht, ist ein Moment. Ein Foto davon, ist eine Ewigkeit. Dior weiß das. Deshalb wählt es seine Fotografen mit der gleichen Sorgfalt wie seine Schneider. Sie sind nicht nur Mitarbeiter - sie sind Mitgestalter der Legende.
Wenn du heute ein Dior-Bild siehst, denk nicht nur an das Kleid. Denk an den Fotografen. An seine Hand. An seine Geduld. An den Moment, als er den Auslöser drückte - und damit etwas erschuf, das länger bleibt als Mode. Etwas, das bleibt, weil es wahr ist.
Wer ist der bekannteste Fotograf von Dior?
Es gibt keinen einzigen „bekanntesten“ Fotografen - Dior hat über Jahrzehnte mehrere ikonische Fotografen gehabt. Richard Avedon prägte die 1940er und 1950er, Peter Lindbergh die 1990er, Steven Meisel die 2000er und Willy Vanderperre die 2010er bis heute. Jeder hat eine andere Ära geprägt. Wenn man nach Einfluss fragt, ist Steven Meisel oft am häufigsten zitiert, aber Willy Vanderperre ist der aktuell wichtigste.
Arbeitet Dior heute mit Schwarz-Weiß-Fotografie?
Ja, und zwar bewusst. David Sims verwendet Schwarz-Weiß für viele Haute Couture-Bilder, um die Form und Textur der Kleidung in den Vordergrund zu stellen. Auch Willy Vanderperre setzt es ein, wenn es um emotionale Tiefe geht - etwa bei Porträts von Models in stillen Umgebungen. Schwarz-Weiß ist für Dior kein Retro-Stil, sondern ein Werkzeug der Klarheit.
Wie wählt Dior seine Fotografen aus?
Dior sucht Fotografen, die eine starke, erkennbare visuelle Sprache haben und die die Geschichte der Marke verstehen. Es geht nicht nur um technische Perfektion, sondern um künstlerische Resonanz. Oft kommen Fotografen über Empfehlungen oder durch spezielle Projekte - etwa eine Ausstellung oder ein Magazin. Dior vertraut auf Instinkt und Langzeitbeziehungen, nicht auf Werbeagenturen.
Gibt es weibliche Fotografen bei Dior?
Ja, aber sie sind noch unterrepräsentiert. Camille Zumpf ist eine der wenigen Frauen, die regelmäßig für Dior arbeiten - vor allem bei digitalen und Social-Media-Projekten. Maria Grazia Chiuri hat bewusst mehr weibliche Fotografen eingeladen, um die Perspektive zu erweitern. Es gibt noch viel Raum für Wandel, aber der Anfang ist gemacht.
Welche Kameras verwenden die Dior-Fotografen?
Die meisten arbeiten mit analogen Kameras - vor allem mit Mittelformat-Geräten wie der Hasselblad 500CM oder der Leica S-Series. David Sims nutzt oft eine Canon EOS R5 für digitale Aufnahmen, aber er entwickelt seine Schwarz-Weiß-Bilder selbst im Labor. Willy Vanderperre bevorzugt die Fujifilm GFX100S für ihre hohe Auflösung und natürlichen Farbton. Die Wahl der Kamera ist immer eine künstlerische Entscheidung - nicht eine technische.