Was ist die 500-Regel in der Fotografie?

Stell dir vor, du stehst mitten in der Nacht auf einem Berg, dein Stativ steht fest im Boden, die Kamera ist eingestellt - und du drückst aus. Doch statt klarer Sterne bekommst du lange Streifen, als wären die Sterne durch die Luft gezogen. Das passiert, weil die Erde sich dreht. Und wenn deine Belichtungszeit zu lang ist, bewegen sich die Sterne sichtbar auf dem Sensor. Die 500-Regel hilft dir, das zu vermeiden.

Was genau ist die 500-Regel?

Die 500-Regel ist eine einfache Faustformel, die dir sagt, wie lange du deine Kamera maximal belichten kannst, bevor Sterne als Streifen erscheinen. Sie lautet: Teile 500 durch die Brennweite deines Objektivs. Das Ergebnis ist die maximale Belichtungszeit in Sekunden.

Beispiel: Du verwendest ein 20-mm-Weitwinkelobjektiv. Dann rechnest du 500 ÷ 20 = 25. Das heißt, du kannst bis zu 25 Sekunden belichten, ohne dass die Sterne verwischen. Bei einem 50-mm-Objektiv wären es nur 10 Sekunden (500 ÷ 50). Je länger die Brennweite, desto kürzer die erlaubte Belichtungszeit.

Warum funktioniert das?

Die Erde dreht sich einmal in etwa 24 Stunden um ihre Achse. Das sind 360 Grad in 86.400 Sekunden. Das bedeutet: Jede Sekunde dreht sich der Himmel um etwa 0,004 Grad. Ein Weitwinkelobjektiv (z. B. 14 mm) zeigt einen riesigen Teil des Himmels - da bewegt sich ein Stern innerhalb von 25 Sekunden nur ein winziges Stück. Ein Teleobjektiv (z. B. 200 mm) hingegen vergrößert nur einen winzigen Ausschnitt. Selbst eine kleine Bewegung wird dort riesig - und schon nach wenigen Sekunden siehst du Streifen.

Die 500-Regel ist eine praktische Annäherung, die auf der durchschnittlichen Auflösung von Kameras basiert. Sie wurde in den 1990er-Jahren von Amateur-Astrofotografen entwickelt, als digitale Kameras gerade aufkamen. Sie war damals eine Revolution - plötzlich konnten Hobbyfotografen klare Sternbilder aufnehmen, ohne teure Nachführungen zu brauchen.

Wann funktioniert die 500-Regel nicht mehr?

Heute haben Kameras viel höhere Auflösungen als vor 20 Jahren. Eine 45-Megapixel-Kamera zeigt Details, die eine 12-Megapixel-Kamera nicht einmal erahnt. Und genau da wird die 500-Regel ungenau. Bei modernen Kameras mit hohem Sensor-Resolutionsvermögen verschwimmen Sterne oft schon bei der Hälfte der berechneten Zeit.

Einige Fotografen nutzen daher die 400-Regel oder sogar die 300-Regel, besonders bei Kameras mit 30+ Megapixeln. Probiere es aus: Mach bei 24 mm mit 20 Sekunden ein Bild - dann mit 15 Sekunden. Vergrößere das Bild auf 100 % auf dem Computer. Wenn die Sterne rund bleiben, hast du die Grenze gefunden.

Ein weiterer Faktor: Die Position des Sterns am Himmel. Sterne nahe dem Himmelspol (z. B. der Nordstern) bewegen sich langsamer als Sterne am Äquator. Wenn du direkt auf den Polarstern blickst, kannst du oft länger belichten - aber das ist schwer vorherzusagen. Die 500-Regel ist für den durchschnittlichen Horizont gedacht.

Nahaufnahme der Kameradisplay mit Sternenhimmel und handschriftlicher Berechnung der 500-Regel.

Was brauchst du, um die 500-Regel anzuwenden?

  • Eine Kamera mit manueller Einstellung (M-Modus)
  • Einen Weitwinkelobjektiv (idealerweise 14-24 mm)
  • Einen stabilen Stativ - kein Handhalten!
  • Eine Fernauslösung oder Timer-Funktion (um Kamerabewegung zu vermeiden)
  • Eine dunkle Location, weit weg von Lichtverschmutzung

Stelle deine Kamera auf manuell, fokussiere auf unendlich (∞), aber prüfe das vorher: Leuchte mit einer Taschenlampe auf einen fernen Baum, fokussiere darauf, dann schalte die Lampe aus und drehe den Fokus auf unendlich. So vermeidest du unscharfe Sterne.

Verwende einen hohen ISO-Wert - meist zwischen 1600 und 6400 - je nach Lichtbedingungen. Öffne die Blende so weit wie möglich (f/2.8 oder weiter). Die Belichtungszeit berechnest du mit der 500-Regel. Und dann: Auslösen. Kein Blitz. Kein Licht. Kein Handy. Alles, was leuchtet, ruinert deine Aufnahme.

Praxisbeispiel: Ein echter Aufnahmeweg

Letzten Sommer war ich auf der Insel Sylt. Um 2 Uhr nachts, bei klarem Himmel, stellte ich meine Sony A7 IV mit einem 16-35 mm Objektiv auf 16 mm. Ich rechnete: 500 ÷ 16 = 31,25. Ich nahm 30 Sekunden als Startwert. ISO 3200, Blende f/2.8. Das erste Bild zeigte leichte Streifen - also probierte ich 25 Sekunden. Perfekt. Die Sterne waren scharf, die Milchstraße klar zu erkennen. Ich machte 20 Aufnahmen und kombinierte sie später mit einer Software wie StarStaX - das Ergebnis war ein langer Sternenpfad, der wie ein Fluss über den Himmel floss.

Dabei ist wichtig: Die 500-Regel gibt dir nur die maximale Belichtungszeit. Du kannst kürzer belichten - und oft solltest du das, besonders wenn du später mehrere Bilder stacked. Kürzere Belichtungszeiten bedeuten weniger Rauschen und mehr Flexibilität bei der Nachbearbeitung.

Konzeptuelle Darstellung der 500-Regel: Gleichung mit scharfen und verschwommenen Sternen je nach Brennweite.

Alternative Regeln und moderne Lösungen

Einige Fotografen verwenden die NPF-Regel - eine komplexere Formel, die Sensorgröße, Pixelgröße und Lichtverschmutzung berücksichtigt. Sie ist genauer, aber schwer zu merken. Für den Alltag reicht die 500-Regel. Wenn du willst, kannst du Apps wie PhotoPills oder Stellarium nutzen, die dir die perfekte Belichtungszeit automatisch berechnen - aber die Grundidee bleibt dieselbe.

Neuere Kameras wie die Canon R5 oder Nikon Z8 haben sogar eine Star Trail Reduction-Funktion. Sie nimmt mehrere kurze Belichtungen und verarbeitet sie automatisch. Das ist praktisch - aber es ersetzt nicht das Verständnis der Grundlagen. Wer die 500-Regel kennt, kann auch ohne App richtig fotografieren.

Was passiert, wenn du sie ignorierst?

Du bekommst keine klaren Sterne. Du bekommst Streifen. Und das ist nicht nur unschön - es ist frustrierend. Du hast Stunden gewartet, bist in die Kälte gegangen, hast dein Stativ aufgebaut - und dann kommt ein Bild, das wie ein Abstraktgemälde aussieht. Du denkst: „Warum sieht das nicht aus wie die Fotos von Instagram?“

Du hast die 500-Regel nicht angewendet. Das ist kein Fehler der Kamera. Das ist ein Fehler der Planung. Die Natur gibt dir keine zweite Chance. Wenn der Himmel klar ist, musst du bereit sein. Und die 500-Regel ist dein Werkzeug, um das zu schaffen.

Die 500-Regel ist kein Gesetz - aber ein Leitfaden

Manche Profis sagen: „Die 500-Regel ist veraltet.“ Sie haben recht - aber nur für ihre 60-Megapixel-Kameras und ihren 10.000-Euro-Setup. Für die meisten Hobbyfotografen ist sie immer noch das beste Werkzeug, um klare Sternbilder zu machen. Sie ist einfach, leicht zu merken und funktioniert auf fast jeder Kamera.

Probiere sie aus. Mach ein Bild mit der berechneten Zeit. Dann eines mit 10 Sekunden kürzer. Vergleiche sie. Du wirst sehen: Die Sterne werden scharf. Und das ist der Moment, in dem die Nacht endlich verständlich wird.

Ist die 500-Regel für alle Kameras gültig?

Die 500-Regel funktioniert am besten mit Vollformat-Kameras. Bei APS-C-Sensoren (z. B. bei Canon EOS R7 oder Nikon D500) musst du die Brennweite mit dem Crop-Faktor anpassen. Ein 20-mm-Objektiv auf APS-C hat eine äquivalente Brennweite von etwa 30 mm (20 × 1,5). Dann rechnest du 500 ÷ 30 = 16,6 Sekunden. Das ist die korrekte Belichtungszeit.

Warum nicht einfach immer kürzere Belichtungszeiten nutzen?

Kürzere Belichtungszeiten bedeuten weniger Licht - und das führt zu mehr Rauschen, wenn du den ISO-Wert erhöhst. Die 500-Regel gibt dir die längste Zeit, die noch scharf bleibt. Du willst so viel Licht wie möglich, ohne dass die Sterne verschwimmen. Es ist ein Gleichgewicht.

Kann ich die 500-Regel auch für Mondfotografie nutzen?

Nein. Der Mond ist viel heller als Sterne und bewegt sich schneller relativ zur Kamera. Für Mondfotos brauchst du kürzere Belichtungszeiten - oft unter 1 Sekunde - und einen längeren Brennweitenobjektiv. Die 500-Regel gilt nur für Sterne, nicht für den Mond oder Planeten.

Wie finde ich einen dunklen Ort für die Astrofotografie?

Nutze Lichtverschmutzungskarten wie Light Pollution Map oder Dark Site Finder. In Deutschland sind die Nordseeinseln, der Harz oder der Bayerische Wald besonders dunkel. Vermeide Städte, Autobahnen und Industriegebiete. Je weiter du von Straßenlaternen entfernt bist, desto klarer wird die Milchstraße.

Brauche ich eine spezielle Kamera für die 500-Regel?

Nein. Jede Kamera mit manueller Einstellung reicht - sogar alte Modelle wie die Canon EOS 6D oder Nikon D750. Wichtig ist nicht die Kamera, sondern das Objektiv (Weitwinkel, schnell, f/2.8 oder heller) und ein stabiles Stativ. Die Technik ist einfach - die Geduld ist die Herausforderung.

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